Analyse · 16 Bundesländer · InVeKoS · FMIS-Schnittstellen

agroXML-Schnittstellen im InVeKoS-Antragsverfahren: Der digitale Flickenteppich

Eine umfassende Analyse des Implementierungsstands von agroXML-basierten FMIS-Schnittstellen in den 16 deutschen Bundesländern, der Entwicklung seit den ersten KTBL-Pilotprojekten und der technischen Hürden für Landwirte gegenüber manuellen Eingabeverfahren.

0
Bundesländer mit aktivem agroXML-Support
Kein Landeskonto dokumentiert agroXML als unterstütztes Format (Stand 2026). Die KTBL-Arbeitsgemeinschaft agroXML wurde Anfang 2013 aufgelöst.
1
Bundesland mit echter REST-API
Bayern (iBALIS) betreibt als einziges Land eine OAuth-gesicherte REST-Schnittstelle mit OpenAPI-Spezifikation und bidirektionalem Datenaustausch.
1
Bundesland mit offenen XSD-Schemata
Niedersachsen (ANDI) veröffentlicht seit 2019 jährlich versionierte XSD-Schemata explizit für FMIS-Hersteller — auch für Bremen und Hamburg.
13
InVeKoS-Regionen für ~300.000 Antragsteller
Der DBV zählt 13 teils sehr unterschiedlich arbeitende InVeKoS-Regionen — ein „föderaler Flickenteppich“ mit unterschiedlichen Portalen, Formaten und Codelisten.

Schematische Länderkarte: Schnittstellen-Typen nach Bundesland

Jedes Bundesland betreibt sein eigenes InVeKoS-Portal. Die Farbe zeigt den jeweils fortschrittlichsten dokumentierten Schnittstellentyp. Klick auf ein Bundesland für Details. Die Darstellung ist eine schematische Hex-Karte, nicht maßstabsgetreu.

SH MV NI HH HB ST BB BE NRW HE TH SN RP BW BY SL
REST-API (bidirektional)Machine-to-machine mit OAuth und OpenAPI-Doku
Offene XSD-SchemataVersionierte XML-Schemata veröffentlicht
Dateibasiert (Import/Export)Shapefile, XML, GML — manuell, dokumentiert
Dateibasiert (profil-inet)Shapefile, kein agroXML, einheitliche Plattform
Schemata nicht öffentlichXML-Export ohne dokumentierte Spezifikation
Historisch: agroXMLEinzige bestätigte Produktion, Status unklar

Vergleichstabelle: alle 16 Bundesländer

Filterung nach Schnittstellentyp. Die Tabelle zeigt Portalname, unterstützte Formate, agroXML-Status und dokumentierte Probleme.

Bundesland Portal / System agroXML? Schnittstellentyp Formate Authentifizierung Bekannte Probleme

Quellenangaben zu jedem Bundesland im Detailbereich der Karte (Klick auf Bundesland).

Zeitleiste: Entwicklung der digitalen Übermittlung seit den KTBL-Pilotprojekten

Von den ersten agroXML-Konzepten um 2000 über das BLE-Förderprojekt 2008–2010 bis zur heutigen fragmentierten Landschaft.

~2000
Beginn der agroXML-Entwicklung
KTBL startet die Entwicklung eines XML-basierten Datenaustauschstandards für die Landwirtschaft. Erste Konzepte mit Claas, Agro-Sat, HELM-Software, ISIP e.V., John Deere und FarmFacts. Wikipedia
2005
agroXML v1.0 — Agritechnica-Premiere
Auf der Agritechnica 2005 werden erste agroXML-Schnittstellen präsentiert. Die Arbeitsgemeinschaft agroXML erhält einen Presse-Sonderpreis. Projekt „agroXML“ mit einem Budget von 423.613 Euro gefördert. KTBL; FISA
2007
agroXML v1.2 veröffentlicht
Version 1.2 fügt Qualitätssicherungselemente hinzu. Veröffentlichung explizit für InVeKoS, ISIP, EurepGAP und KTBL angeboten. Geodaten-Integration über GML noch „nicht ausgereift". Landtechnik 62(1)
01.05.2008
BLE-Förderprojekt startet
„Vereinfachung des Datenmanagements und -austauschs im InVeKoS-Antragsverfahren durch Nutzung von agroXML" beginnt. Koordinator: KTBL. Partner: PC-Agrar, HELM-Software, agrocom/Claas, LAND-DATA EuroSoft, DataExperts. Pilotländer: Rheinland-Pfalz und Thüringen; Baden-Württemberg kommt über HELM dazu. BLE Projektdatenbank
2008
proplanta berichtet über agroXML-Vision
Dr. Martin Kunisch (KTBL) stellt vor: „Mit agroXML können Antrags- und Dokumentationsprozesse für Agrarförderung vereinfacht und schrittweise automatisiert werden." Ulrich Wagner (WIMEX/Agrosat) fordert schnelle Einführung. proplanta
2010
FIONA-Upload wird in Baden-Württemberg abgeschafft
Baden-Württemberg entfernt die Upload-Möglichkeit des FIONA-Systems. FMIS-Daten sind seitdem nicht mehr nutzbar. Einige Landesbehörden stufen standardisierte Datenschnittstellen als „unnötig" ein. BLE Schlussbericht
06.10.2010
Projektabschluss: Pilotanwendung vorgestellt
Entwicklungsarbeiten bei PC-Agrar bis September 2010 planmäßig abgeschlossen. Vorstellung der pilotmäßigen Anwendung eines Datenmoduls auf der BLE-Tagung in Bonn. 4.765 von 4.800 geplanten Arbeitsstunden. BLE Schlussbericht
Anfang 2013
KTBL löst Arbeitsgemeinschaft agroXML auf
Die Arbeitsgemeinschaft agroXML wird aufgelöst (Entscheidung Ende 2012). agroXML liegt bei v1.5, v1.6 war geplant. Die Domain agroxml.de leitet heute auf die KTBL-Startseite weiter — ohne agroXML-Inhalt. KTBL Jahresbericht 2013
2018
DBV fordert „Agrarantrag 4.0"
Der Deutsche Bauernverband fordert ein bundeseinheitliches oder mindestens zwischen allen Bundesländern kompatibles IT-System für den Agrarzahlungsantrag. DBV
2021
Bitkom fordert „ELSTER für die Landwirtschaft"
Bitkom schlägt eine staatliche Melde- und Antragsplattform analog zu ELSTER vor, mit einheitlich definierten Schnittstellen zu InVeKoS und HI-Tier, damit FMIS automatisch übermitteln können. Bitkom
2022–2025
Bayern startet Agrardatennetzwerk mit REST-API
Das Bayerische Agrardatennetzwerk geht mit OAuth-gesicherter REST-Schnittstelle, OpenAPI-Spezifikation und bidirektionalem Datenaustausch live — als einziges Bundesland mit echter Machine-to-machine-Schnittstelle. StMELF
Mai 2024
Hessen: Schwerster Portal-Ausfall
Das Agrarportal Hessen ist tagelang blockiert — nur 7.000 von 19.000 Anträgen eingereicht, Tage vor der Deadline. Bundesweite Umfrage: Nur ~15% der Landwirte hatten keine Probleme beim Mehrfachantrag 2024. top agrar; agrarheute
2026
Status quo: 13 Portale, 0 mit agroXML
Kein Bundesland dokumentiert agroXML-Unterstützung. 6 Länder nutzen „profil inet" (BB, BE, MV, SN, ST, SH). Niedersachsen veröffentlicht XSD-Schemata für ANDI. Bayern betreibt die einzige REST-API. Die Bundesregierung arbeitet am „Bürokratie-Rückbaugesetz" und der Modernisierungsagenda. Bundesregierung

Größte technische Hürden für Landwirte

Vergleich zwischen digitaler Schnittstellennutzung und manuellem Eingabeverfahren, basierend auf BMEL-Machbarkeitsstudie, LfULG-Studie Sachsen und Praxisberichten.

Häufige Medienbrüche zwischen Systemen
72,1%
Daten aus zu vielen verschiedenen Quellen
88,4%
Gleiche Daten ständig neu eingeben
72,7%
Antrag zu komplex für eigenständige Bearbeitung
~24%
Landwirte ohne Probleme beim Mehrfachantrag 2024
~15%
Fehlende Computerkenntnisse als Hemmnis
49%
Anfangsinvestitionen als Hemmnis
80%

Quellen: BMEL Machbarkeitsstudie; agrarheute Umfrage 2024; LfULG Sachsen 4/2022

Föderaler Flickenteppich

13 unterschiedlich arbeitende InVeKoS-Regionen mit eigenen Portalen, Formaten, Codelisten, Flächenreferenzsystemen und Rechenvorschriften. Länderübergreifend bewirtschaftende Betriebe müssen mehrere Systeme parallel bedienen (Belegenheitsprinzip). Der ZID-Datenabgleich funktioniert nur zwischen profil-inet-Ländern.

13 Regionen

Medienbrüche und manuelle Datenübertragung

Daten aus FMIS/Schlagkarteien müssen manuell als ZIP-Datei exportiert, in das Landesportal hochgeladen und dort validiert werden. Oft sind Geometrien und alphanumerische Daten in separaten Exporten. Bei 72,1% der Betriebe kommt es regelmäßig zu Medienbrüchen; 72,7% müssen Daten ständig neu eingeben.

72,1% Medienbrüche

Inkompatible Koordinatenreferenzsysteme

Jedes Bundesland schreibt ein anderes CRS vor: ETRS89/UTM 32N (Niedersachsen), UTM 32N oder GK3/WGS84 (BW), UTM 33/ETRS89 (Sachsen), GK4/GK5 (altes InVeKoS Online GIS). Shapefiles müssen vor dem Import transformiert werden. FIONA exportiert Flurstücksverzeichnis ohne Geometrien — separater GIS-Export nötig.

Codelisten-Mapping und Semantik

Der agroXML-Code „WW" für Winterweizen entspricht in der BW-Codeliste 2011 dem Code „115". Jedes Bundesland pflegt eigene Codelisten, die jährlich aktualisiert werden müssen. Botanische Logik des Bundessortenamts erlaubt keine Rückschlüsse auf die konkrete Flächennutzung. Nicht alle Inhalte lassen sich eindeutig übersetzen.

Authentifizierungsbarrieren

Fünf verschiedene Authentifizierungsverfahren: authega-Brief (BB/BE), BundID mit eID und NFC-Handy (TH), SMS-PIN bei jeder Anmeldung (RP), 6-stellige TAN (SL), BNR/ZID-PIN (HE, SH, ST, SN, MV). Passwort-Resets sind wiederkehrende Fehlerquelle. In Hessen 2024 funktionierten Vorjahres-Passwörter nicht mehr.

Portalstabilität und Verfügbarkeit

Hessen 2024: Portal tagelang blockiert, nur 7.000 von 19.000 Anträgen vor Deadline. 2022: Go-live mit 404, Zusammenbruch unter Last. M-V: wöchentliche Wartungsfenster, kein Wochenendsupport. Sachsen-Anhalt: Firefox-Bug erfordert Cache-Lösung. ANDI: keine Offline-Funktion, ständige Internetverbindung zwingend.

~85% mit Problemen

FMIS-Hersteller-Inkompatibilität

Kein FMIS unterstützt heute agroXML für InVeKoS. Hersteller implementieren stattdessen pro-Bundesland-Importassistenten. Importe sind oft verlusthaft (nur Stammdaten und Fruchtfolge). Interface-Spezifikationen erscheinen teils erst kurz vor Antragsfrist. Vendor-Lock-in durch proprietäre Insellösungen.

Importlimits und Geometrieprobleme

DIANAweb: max. 5 MB entpackt, nur Shapefile, identische Basisnamen. Brandenburg: nur Polygone, keine Punkte/Linien. FIONA: „Daten müssen fehlerfrei sein". Doppelbelegungen erfordern mehrstufige manuelle Auflösung. Dateien dürfen nicht umbenannt werden. Verschiedene Geometrietypen pro Shapefile nicht erlaubt.

Was agroXML ersetzt hat

Obwohl agroXML als Standard nicht überlebt hat, existieren auf verschiedenen Ebenen Ersatzlösungen — wenn auch ohne einheitliche Anbindung an die InVeKoS-Portale.

EbeneStandard in der PraxisBemerkung
Maschine ↔ FMISISO 11783 / ISOXML57 Elemente, 264 Attribute, Data Dictionary mit 647 Einträgen
Tier / BüroADIS/ADEDISO 11787/11788/17532; Zuchtwertschätzung, Milchleistung, HI-Tier
GeodatenShapefile (dominant), GML (NRW, SN)In allen 16 Landesportalen als Austauschformat
Cross-Vendor-Routingagrirouter (DKE-Data)Einziger etablierter Datenrouter; Fokus auf Pflanzenbau
InVeKoS-Geodaten öffentlichINSPIRE-WFSLPIS-Daten als WFS (z.B. Bayern LfL, GDI-BMLEH)

Quelle: LfULG Schriftenreihe 4/2022

Schnittstelle vs. manuelle Eingabe: Der Praxisvergleich

Wann lohnt sich die Nutzung digitaler Schnittstellen gegenüber der direkten manuellen Eingabe im Landesportal — und wann scheitert sie? Bewertet nach praktischem Impact aus den recherchierten Quellen.

KriteriumDigitale Schnittstelle (FMIS-Import/Export)Manuelle Eingabe im PortalBewertung
Geschwindigkeit bei großen BetriebenImport von hunderten Schlägen per Klick; FMIS-Daten vorausgefülltJeden Schlag einzeln im GIS des Portals einzeichnen oder anpassenSchnittstelle deutlich überlegen
Einrichtungsaufwand / ErstinvestitionFMIS-Lizenz, Import-Setup, pro-Bundesland-Importassistent nötig; teils Lizenz-GatingKeine zusätzliche Software nötig; nur Portal-ZugangManuelle Eingabe einfacher zu starten
Format- und CRS-KompatibilitätShapefile muss CRS, Attributnamen, Geometrietyp erfüllen; teils 5 MB-Limit; kein agroXMLKeine Formatprobleme; direkte Eingabe im Portal-GISSchnittstellen fehleranfällig bei Formaten
Codelisten-MappingFMIS-Kulturen müssen auf landesspezifische Codes gemappt werden; jährliche PflegeCodelisten direkt im Portal aus Dropdown wählbarManuelle Eingabe vermeidet Mapping-Fehler
Datenkonsistenz & FehlervermeidungFMIS-Daten sind betriebsaktuell; Doppeleingaben entfallen; aber Import kann verlusthaft seinRisiko von Tippfehlern, vergessenen Schlägen; 72,7% geben Daten ständig neu einSchnittstelle besser — wenn Import funktioniert
Validierung & FehlerbehebungValidierung erst nach Import im Portal; Fehlerquellen schwer zu lokalisieren (CRS? Attribut? Geometrie?)Sofortige Portal-Validierung; Plausibilitätsprüifungen während der EingabeManuelle Eingabe mit direkterem Feedback
AuthentifizierungEinmalig Portal-Login + FMIS-Lizenz; danach automatisierter DatenflussPro Sitzung Portal-Login (teils SMS-PIN, eID, authega-Brief)Schnittstelle entlastet bei wiederholter Nutzung
Länderübergreifende BetriebeJedes Land benötigt eigenen Import-Workflow; ZID-Brücke nur zwischen profil-inet-LändernMehrere Portale parallel bedienen; aber einheitlicher Prozess pro PortalBeide Verfahren mühsam bei Mehrlandenbetrieben

Bewertung basiert auf: BMEL Machbarkeitsstudie, LfULG Sachsen 4/2022, BLE Schlussbericht

Quellen